Mechanical Wonders – Die Ausstellung von Parmigiani Fleurier in Tokio und die Rolle historischer Restaurierung für die moderne Uhrmacherkunst
>> Zu unserer Uhren-EmpfehlungIm September 2026 feiert die Schweizer Luxusmanufaktur Parmigiani Fleurier ihr 30-jähriges Bestehen mit der Ausstellung Mechanical Wonders im 2121 DESIGN SIGHT in Tokio. Die Ausstellung verbindet drei historische Meisterwerke der Maurice-Sandoz-Collection mit aktuellen Spitzenkreationen der Manufaktur und zeigt, wie jahrhundertalte Restaurierungsarbeit die Grundlage für moderne Komplikationen wie das Carillon Tourbillon PF950 bildet.
Historischer Hintergrund und Entstehung der Manufaktur
Michel Parmigiani gründete 1976 in Couvet sein Restaurierungsatelier Mesure et Art du Temps. Während der Quarzkrise sah er in der Wiederherstellung historischer Uhren eine Möglichkeit, traditionelle Handwerkstechniken zu erhalten. 1980 wurde er vom Industriellenhaus Sandoz (Fondation Édouard et Maurice Sandoz) zum offiziellen Restaurator der renommierten Maurice-Sandoz-Kollektion ernannt. Dieses langjährige Vertrauensverhältnis mündete 1996 in der Gründung der eigenständigen Manufaktur Parmigiani Fleurier sowie dem Aufbau des vertikal integrierten Pôle Horloger, zu dem Spezialmanufakturen wie Vaucher Manufacture (Kaliber), Atokalpa (Hemmungen und Unruhspiralen) und Les Artisans Boîtiers (Gehäuse) gehören.
Die Ausstellung „Mechanical Wonders“ in Tokio
Vom 19. bis 24. September 2026 (insgesamt sechs Tage) präsentiert das 2121 DESIGN SIGHT GALLERY 3 historische Stücke der Maurice-Sandoz-Collection und aktuelle Kreationen von Parmigiani Fleurier. Alle historischen Objekte werden von der Fondation Édouard et Maurice Sandoz bewahrt und von Michel Parmigiani bzw. seinem Restaurierungsteam wieder zum Leben erweckt.
Historische Exponate im Überblick
- Perrin-Frères Sektor-Anzeigeuhr (frühes 19. Jahrhundert) – vier Tonfedern, Viertelrepetition, komplexe Klangmechanik.
- Äthiopische Goldraupe – elf verbundene Segmente, 76,5 mm, 20 g, mechanische Kriechbewegung.
- Automaton-Frosch – 6-Hämmer-Mechanik, Quak-Effekt, 58 g.
- Parfumflasche mit Uhr, Automat und Carillon – 190 mm Höhe, fünf Hämmer, zwei Melodien, bewegte Szenerie.
- Singender Vogel im Stockgriff – Goldgriff verwandelt sich in eine singende Vogelbühne.
- Jacquemart-Uhr – Moses schlägt Wasser aus dem Felsen, integrierte Repetierfunktion.
- La Rose Carrée – Grande-Sonnerie- und Minutenrepetitionswerk von Louis-Elisée Piguet (ca. 1898-1904), restauriert und in eine 64-mm-Weißgold-Taschenuhr integriert.
Die Ausstellung ist die erste ihrer Art, die diese seltenen Sammlungsstücke öffentlich in Japan zeigt.
Technische Innovationen – Das Carillon Tourbillon PF950
Als Highlight der Ausstellung präsentiert Parmigiani Fleurier das neue Kaliber PF950 im Carillon Tourbillon. Das 456-teilige Handaufzugskaliber basiert auf mechanischen Erkenntnissen aus der restaurierten Perrin-Frères-Taschenuhr und kombiniert historische Klangfedern mit moderner Uhrmacherkunst.
Technische Daten
- Komponentenanzahl: 456 Bauteile (2026).
- Gangreserve: 240 Stunden (mindestens zehn Tage) über zwei serielle Federhäuser.
- Gehäuse: 41,6 mm Durchmesser, 18-Karat-Weißgold.
- Limitierung: 5 Exemplare weltweit zum Preis von ca. 490.000 CHF.
- Tonfedern: vier patentierte serpentinenförmige Federn, erzeugen ein vier-Ton-Carillon nach Westminster-Schlagfolgen.
- Separate dritte Federhaus: entkoppelt die Ganggenauigkeit des Tourbillons vom hohen Energiebedarf des Schlagwerks.
Akustische Besonderheiten
Im Gegensatz zu klassischen Repetitionen mit zwei Tonfedern nutzt das Carillon Tourbillon vier Tonfedern, die in einer serpentinenförmigen Anordnung schwingen. Diese Anordnung optimiert Resonanz und Klangfülle im Weißgoldgehäuse. Das separate Federhaus sorgt dafür, dass das 60-Sekunden-Tourbillon nicht durch das energieintensive Schlagwerk beeinträchtigt wird, wodurch Präzision und Klangqualität gleichzeitig erreicht werden.
Wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung
Die Ausstellung verdeutlicht ein seltenes Phänomen: Parmigiani Fleurier schöpft seine Innovationskraft nicht aus Marketing-Konstrukten, sondern aus der ingenieurtechnischen Entschlüsselung und Wiederherstellung historischer Automaten und Komplikationen. Durch die enge Zusammenarbeit mit der Fondation Sandoz hat das Haus Zugriff auf Kulturgüter, die sonst kaum öffentlich zugänglich sind. Dieses Vertrauen ermöglichte den Aufbau eines vollkommen autonomen Fertigungsverbundes, der historische Ideen auf industriellem Spitzenniveau reproduzieren kann.
- Geringe Zugänglichkeit: Historische Automaten und das limitierte Carillon Tourbillon sind für die breite Öffentlichkeit fast unzugänglich.
- Technische Transfergrenzen: Die Miniaturisierung historischer Mechanik auf Armbanduhren erfordert neue Werkstoffe und Toleranzen, um Stoßsicherheit und Alltagstauglichkeit zu gewährleisten.
Häufig gestellte Fragen
Was ist die Maurice Sandoz Collection?Eine der weltweit bedeutendsten Privatsammlungen historischer Uhren, Spielwerke und Automaten des 18. und 19. Jahrhunderts, verwaltet von der Fondation Édouard et Maurice Sandoz (Quelle: Parmigiani Fleurier, 2026).Warum begann Michel Parmigiani während der Quarzkrise mit der Restaurierung?Er sah in der Restaurierung historischer Meisterwerke die einzige Möglichkeit, überlieferte Handwerkstechniken lebendig zu halten und direkt von den alten Meistern zu lernen (Quelle: Chrono24, 2023).Was macht das Schlagwerk des Carillon Tourbillon akustisch besonders?Vier serpentinenförmige Tonfedern, inspiriert von einer Perrin-Frères-Taschenuhr, erzeugen ein volles Vier-Ton-Carillon mit separatem Federhaus für das Schlagwerk (Quelle: WatchTime, 2026).
Fazit
Die Ausstellung Mechanical Wonders ist mehr als eine reine Präsentation historischer Kunstwerke – sie ist ein lebendiges Zeugnis dafür, wie tiefgreifende Restaurierungsarbeit die Basis für modernste Uhrmacherkunst bildet. Durch die enge Verknüpfung von Geschichte, technischer Analyse und innovativem Design entsteht ein einzigartiges Produkt, das sowohl als Klangkunstwerk als auch als technisches Meisterstück gilt. Das Carillon Tourbillon PF950 verkörpert diese Philosophie: Es überträgt die Klangmechanik einer fast 200-Jahre-alten Taschenuhr in ein zeitgenössisches, hochpräzises Armbanduhren-Kaliber. Damit bestätigt Parmigiani Fleurier, dass die Bewahrung des Erbes nicht nur kulturell wertvoll, sondern auch ein Motor für zukünftige Innovationen ist.
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